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Alles über die aufwendige Hörspielproduktion von "Das Geisterhaus" Hot

geisterhaus-coverWeltweit zum ersten Mal ist der Weltbestseller von Isabel Allende in einer hochkarätigen Hörspielinszenierung (Produktion: SWR/HR) zu hören. Das Hörbuch erscheint am 17. September 2010 im Hörverlag. Das Hörspiel zum Welterfolg „Das Geisterhaus“ war im Mai und Juni diesen Jahres erstmals im Radio zu erleben. Regie führte Walter Adler, einer der bekanntesten deutschen Hörspielregisseure („Orientzyklus“, „Otherland“, „Der eigentliche Zweck des Krieges“). Adler ist als freier Autor und Regisseur tätig und hat mehr als 200 Hörspiele inszeniert. Er hat auch die Bearbeitung der Hörspielfassung für „Das Geisterhaus“ übernommen. Die Dramaturgie hatte Friederike Roth von der SWR2-Hörspielredaktion.

Der Weg zur weltweit ersten Hörspielinszenierung von „Das Geisterhaus“ war jedoch lang:Über fünf Jahre dauerten die notwendigen Lizenzverhandlungen mit den Rechteinhabern, die Bedenken der  Bestsellerautorin Isabel Allende waren groß, die Filmadaption allgegenwärtig. Am 17. September erscheint nun die Hörspielproduktion des SWR und hr2 im Hörverlag und überzeugt: „It sounds really wonderful“ urteilt Isabel Allende begeistert und bedankt sich herzlich bei allen Beteiligten für die gelungene Inszenierung, unter der Regie von Walter Adler.

In den Hauptrollen sind die Schauspielerinnen Angela Winkler (Clara Trueba), Corinna Kirchhoff (Nivea del Valle), Susanne Lothar (Ferula Trueba) und Lena Stolze (Blanca Trueba) sowie die Schauspieler Manfred Zapatka (Esteban Trueba), Hans-Michael Rehberg (der alte Esteban Trueba), Sylvester Groth (Jaime Trueba) und Rüdiger Vogler (Severo del Valle) zu hören. Insgesamt wirken rund 70 Sprecher an der Hörspielproduktion mit. Die Produktion dauerte 76 Tage und fand von Februar bis Mai 2010 in den SWR-Hörfunkstudios in Stuttgart statt.

Der Roman „Das Geisterhaus“ erzählt die Geschichte des chilenischen Patriarchen Esteban Trueba und seiner Frau Clara. Esteban verkörpert den lateinamerikanischen Feudalherren, der es aus verarmten Verhältnissen bis nach ganz oben geschafft hat und mit Härte und Brutalität seine Familie beherrscht. Clara Trueba ist eine hell- und weitsichtige Frau und mit geheimnisvollen übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattet. Über vier Generationen spannt sich die Handlung. Isabel Allende erzählt ihre mäandernde Geschichte dabei stets aus verschiedenen Perspektiven. Und immer scheinen die persönlichen Schicksale eng verwoben mit der wechselhaften und leidvollen Entwicklung Chiles.

 

Bei den Studioaufnahmen zu "Das Geisterhaus" (© SWR / Peter Schmidt)

 

Interview mit Hörspielregisseur Walter Adler


Walter Adler ist einer der renommiertesten deutschen Hörspielregisseure. Er kann auf die Erfahrung von mehr als 200 Hörspiel-Inszenierungen zurückgreifen. Das folgende Interview ist die redaktionell bearbeitete Fassung eines Gesprächs, das SWR2-Moderatorin Katharina Eickhoff mit ihm führte.

Die Hörspielfassung des Romans haben Sie selbst erstellt: Wie sind Sie an die Bearbeitung herangegangen?

Wie geht man da heran? Man versucht, so viel wie möglich des Romans zu erhalten. Ich habe ein sehr aufwendiges, langwieriges Arbeitsverfahren: Ich mache erst einmal aus dem kompletten Buch eine Hörspielfassung, so als hätte ich die Möglichkeit, das Buch ungekürzt zu vertonen. Das sind dann viele hundert Seiten, die noch zu viel sind. Aber erstens steige ich dadurch sehr intensiv in den Stoff ein und zweitens bekomme ich ein sehr gutes Gefühl für die Strukturen und die Längen und dafür, was unbedingt drin sein muss und was man eventuell verdichten oder verkürzen kann.

Im Roman wird eigentlich aus einer weiblichen Perspektive erzählt. Wie kamen Sie darauf, Ulrich Matthes als Erzähler einzusetzen?

Weil er über eine ungeheure Sensibilität verfügt, in so einen Stoff, in so eine Sprache und in so einen Text einzusteigen. Aber die Entscheidung war auch, nicht einfach nur einer platten Analogie zu folgen, dass das Buch von einer Frau geschrieben worden ist und deswegen auch von einer Frau erzählt werden muss. Ich denke, dass die eigentliche Hauptfigur, die zentrale Figur des Romans, Esteban Trueba ist, dass es also ein Mann ist. Und ich denke, dass es daher eine Nähe des Erzählers zu dieser Figur gibt, die uns auch durch das ganze Werk hindurch führt.

„Das Geisterhaus“ als Hörspiel ist mit einer extrem hochkarätigen Schauspielerriege besetzt. Wie bereiten Sie die Schauspieler vor? Haben Sie genaue Vorstellungen von den einzelnen Figuren, die Sie dann im Vorfeld schon weiterleiten?

Wir hatten rund 70 Rollen zu besetzen. Das ist nicht wenig. Das Besetzungsbüro, also vor allen Dingen Kirstin Petri und Ursula Wein-Schaeffer, haben hervorragende Arbeit geleistet, um die alle zusammenzubekommen. Das Problem sind eigentlich nicht so sehr die großen Hauptrollen, die bekommt man relativ schnell und einfach. Das Problem sind die unendlich vielen kleinen Rollen, die natürlich auch alle gut und richtig besetzt werden sollen.  Ich habe sehr genaue Vorstellungen, die aber im Grunde mit der Besetzung erfüllt sind, wenn ich die Besetzung bekomme, die ich haben will. Manchmal muss man dann ganz schnell umdenken, weil ein Schauspieler oder eine Schauspielerin zu diesem Zeitpunkt nicht frei ist. Aber wenn ich das Hörspiel besetzt habe, dann ist schon ein Großteil der konzep¬tionellen Arbeit getan. Die Schauspieler kenne ich natürlich über viele Jahre. Mit den meisten habe ich auch über viele Jahre gearbeitet: Ich kenne sie, die kennen mich. Wenn die Schauspieler so einen Stoff und so eine Geschichte bekommen und lesen, dann haben sie erst einmal eigene Gedanken und eigene Vorstellungen, mit denen sie ins Studio kommen. Es ist immer sehr interessant, diese Spannung zu fühlen, zu erfahren, was man sich selber gedacht hat und was die Schauspieler sich denken. Und aus diesem Spannungsverhältnis heraus entwickelt sich dann die Arbeit.

Interview: © SWR

 

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Bei den Studioaufnahmen zu "Das Geisterhaus" (© SWR / Peter Schmidt)

 

Interview mit dem künstlerischen Leiter Ekkehard Skoruppa


Ekkehard Skoruppa ist Leiter der Abteilung „SWR2 Künstlerisches Wort / Hörspiel“ und Redakteur der „Geisterhaus“-Produktion.

Was hat Sie an dem inzwischen schon 28 Jahre alten Roman „Das Geisterhaus“ so fasziniert? Was macht die Faszination des Buches aus?

Es ist die typisch „lateinamerikanische“ Üppigkeit des Erzählens, gepaart mit einem hohen Maß an Phantasie und der immer mit Ernsthaftigkeit gemischten Komik der einzelnen Geschichten, aus denen diese Familiensaga besteht. Das Buch entfaltet einen großen, über Generationen gespannten Stoff mit wunderbaren Charakteren. Es sind schillernde, starke Figuren, die kämpfen, sich behaupten oder auch scheitern. Und es geht um die Liebe, in verschiedenen Episoden, alle weit weg von jedem Kitsch. Was den Roman besonders wichtig macht: die Verknüpfung der persönlichen Schicksale mit einem zentralen Stück chilenischer Geschichte.

Mit einem neunstündigen Hörspiel sind einige außergewöhnliche Anstrengungen verbunden, schließlich sind deutlich mehr Schauspieler zu organisieren, die Produktionszeit ist länger und so weiter. Wie haben Sie den Mehraufwand bewältigt?

Produktionsplan und Besetzung sind ein großes Räderwerk. Da müssen viele Dinge ineinander greifen. Um ein Beispiel zu nennen: Die Rollenbesetzungen müssen aufeinander abgestimmt sein. Wenn ein Schauspieler nicht kann, muss eventuell auch ein vorgesehener Partner umdisponiert werden. Das sind ungeheure Puzzlespiele. Zumal wir nicht en suite aufnehmen, also nicht von Anfang bis Ende, sondern nach einem komplizierten Plan, der sich auch nach der Verfügbarkeit der Sprecher und nicht zuletzt nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten richtet. Alle Sprecher an allen Aufnahmetagen im Studio zu haben, wäre unerschwinglich. Wir müssen den Studioplan so zusammensetzen, dass die Aufnahmen kostengünstig und von der Inszenierung her vertretbar sind. Beim sechsteiligen „Geister¬haus“ bedeutet das mindestens 76 Produktionstage plus sechs zusätzliche Schnitttage.

Wie lange hat es beim „Geisterhaus“ von der Idee bis zum fertigen Hörspiel gedauert?

Wichtig ist vor allem, den richtigen Bearbeiter und Regisseur zu finden. Vor fast zwei Jahren haben die zuständige Dramaturgin Friederike Roth und ich mit Walter Adler erstmals über eine „Bearbeitungsstrategie“ gesprochen: Was wäre eine angemessene Länge, welche Kürzung wären notwendig, welche Motivketten oder Handlungsteile müssten gekappt werden? Ganz wichtig: Aus welcher Perspektive sollte das Hörspiel erzählt werden? Später kamen dann die Fragen zur Komposition hinzu. Und schließlich, nach der redigierten Textfassung, folgten die wichtigen Besetzungsfragen, die weitgehend zwischen Regisseur, dem Besetzungsbüro und der Dramaturgie abgestimmt wurden. Das kann ein aufreibender Prozess sein. Denn die Besetzungsideen müssen nicht immer übereinstimmen.

Welche Absprachen haben vor und während der Produktion zwischen Ihnen, der Dramaturgin Friederike Roth und dem Regisseur Walter Adler stattgefunden?

Natürlich hat der Bearbeiter einen Vertrauensvorschuss und muss freie Hand haben, „seine“ Version zu finden und zu entwickeln. Zumal bei Walter Adler stand dies nicht in Frage. Aber die Linien der Bearbeitung wurden gemeinsam gezogen. Dass sie überschritten werden können, zeigt das „Geisterhaus“ deutlich. Denn an sechs Teile war zunächst nicht gedacht. Vier Folgen sollten es sein. Doch Stoff und Thema zeigten sich widerständig gegen eine kürzere Fassung. Wir haben uns für die Verlängerung entschieden – sonst wären wunder¬bare Textpartien und Handlungsteile weggefallen. Schwieriger zu beantworten war die Frage nach einer angemessenen Balance zwischen „Funkerzählung“ und „Hörspiel“. Der Erzähler, der von Ulrich Matthes gesprochen wird, hat im Hörspiel großen Raum. Doch wir denken, dass die facettenreichen szenischen und dialogischen Partien das Stück sofort als echtes Hörspiel erkennen lassen und nicht als Funkerzählung mit Einsprengseln.

Die Hörer sind bei Mehrteilern immer an die Laufzeiten im Radio gebunden. Gibt es auch die Möglichkeit, parallel zu den Sendeterminen die einzelnen Folgen im Internet nachzuhören?

Wo immer möglich, stellen wir der Radioausstrahlung einen Download im Internet oder ein On-Demand-Streaming an die Seite. Leider ist dies beim „Geisterhaus“ nicht sofort machbar. Interessierte müssen also auf die CD-Edition des Hörverlags warten oder  Mitschnittmöglichkeiten nutzen, die zu privaten Zwecken erlaubt sind. Ich kann übrigens allen Hörerinnen und Hörer den kostenlosen „SWR Radiorecorder“ auf SWR.de empfehlen. Mit ihm können alle Folgen von „Das Geisterhaus“ online auf dem Computer mitgeschnitten werden. Die Software dafür und eine ausführliche Anleitung gibt es gratis bei uns im Internet.

Sehen Sie die Zukunft des Hörspiels weiterhin im Radio oder in anderen Medien?

Ich sehe hier vor allem kein „oder“, sondern ein „und“. Wir müssen beide Wege beschreiten. Die klassische terrestrische oder satellitengestützte Übertragung darf nicht unser alleiniger Ausspielweg bleiben. Viele Hörer bedienen sich der Möglichkeiten des Internets längst mit großer Selbstverständlichkeit. Sie erwarten, dass sie auch dort unsere Produktionen finden können. Schließlich haben sie sie ja schon mit ihren Gebühren bezahlt.

Hat die Hörspielgemeinde ein Nachwuchsproblem? Oder gibt es auch noch genug junge Hörer?

Diese Frage ist nicht ganz leicht zu beantworten: Erfahrungen bei den ARD-Hörspieltagen oder bei den zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen zeigen, dass Hörspiel nach wie vor auf großes Interesse stößt. Auch und gerade bei jüngeren Hörern. Aber was heißt schon „groß“? Gemessen an Kino- und TV-Ereignissen sind wir natürlich klein, obschon sich angesichts unserer Hörerzahlen mancher Kassierer eines mittleren Bundesligaklubs die Hände reiben würde. Was jüngere Hörer angeht, wäre es wichtig, noch stärker in die jüngeren Radioprogramme zu kommen und natürlich ins Internet. Dort gibt es eine virulente junge Hörspielszene, mit eigenen Foren, Wettbewerben und Austauschbörsen. Für diese Zielgruppen verstärkt Angebote zu entwickeln, das gehört sicher zu den wichtigen Aufgaben der nächsten Zeit. Wir denken beispielsweise intensiv über eine neue Kurzhörspielreihe nach, eine Reihe, die sowohl in den Kulturprogrammen als auch in den jungen Wellen laufen könnte. Aber wir haben auch jetzt schon Stücke, die sich gezielt an eine jüngere Zielgruppe wenden: Im „SWR2 Dschungel“ findet man jede Woche ein Beispiel.

Was sagen Sie Ihrem 18-jährigen Sohn, warum er unbedingt „Das Geisterhaus“ anhören soll?

Tja – ihn zu überzeugen, dürfte leicht und schwer zugleich sein. Leicht, weil ich ihm eine spannende Story versprechen kann, die mit ihrer Geisterseherei auch ein bisschen nach Mystery klingt – was ja ziemlich „in“ ist bei seiner Generation. Spannend ist es auch, mitzuerleben, wie Macht und Ohnmacht entstehen. Schwerer dürfte es werden, wenn es um die Zeit geht, die man sich zum Zuhören nehmen muss. Zeit, die jedenfalls mein Sohn derzeit lieber für Rock-Musik aufwendet.

Ist „Das Geisterhaus“ ein historischer Roman aus einer uns doch fernen Welt oder kann der Roman auch an die Gegenwart anknüpfen?

„Das Geisterhaus“ ist für mich keineswegs historisch fern. Wenn man sich nur die politische Entwicklung vieler lateinamerikanischer Staaten und die Sorgen um einen möglichen „Linkstrend“ betrachtet, dann erweist sich die Aktualität des Stoffes ganz unmittelbar. Manches ist ohnehin zeit- und ortsübergreifend: Das Motiv „Liebe“ ebenso wie das Thema „Macht“. Im „Geisterhaus“ werden Strukturen und Mechanismen erkennbar – als vertraute Phänomene oder auch unter ganz neuem Blickwinkel. Ich bin sicher, dass die Hörspielfassung nicht weniger als der Roman eine starke emotionale und politisch-analytische Kraft entfaltet.

Interview: © SWR

 

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"Das Geisterhaus"
Hörverlag
VÖ: 17.09.2010
8 CDs (563 Min.)

 

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