Hast Du Kindheitserinnerungen an "Pinocchio"?
Stefan Kaminski: Ja, aber nicht an diese Urfassung, also nicht "Pinocchio" von Collodi. Meine Erinnerung geht auf die russische Fassung zurück, weil ich in der DDR groß geworden bin – die hieß "Burattino". Wir hatten viele schöne Märchenschallplatten, Hörspiele und so was, an die ich mich gut erinnere. Die liebste davon war mir immer "Burattino". Das ist genau diese Geschichte, mit dem Kater, mit der Füchsin und mit dem kleinen Holzjungen, der seine Abenteuer erlebt, nicht lernen will und einen Haufen Humbug anstellt usw. Viele Motive dieses Collodi-Buches finden sich in der "Burattino"-Fassung, aber sie unterscheidet sich auch an einigen Stellen davon. Es ist eine der schönsten Erinnerungen für mich, weil ich – wenn ich mich recht entsinne – mit meinem Freund Aljoscha auf dem Schulhof herumgelaufen bin und wir uns die Platte auswendig erzählt haben. Viele Stellen habe ich hier wiedergefunden. Deswegen war mir diese Aufnahme besonders wichtig.
Haben solche Hörerlebnisse zur Berufswahl beigetragen?
Stefan Kaminski: Auf jeden Fall! Gerade diese "Burattino" Schallplatte war sehr wichtig. Aber auch verschiedene Komödianten, wie Loriot, die in verschiedenen Stimmen arbeiten und in ihren Geschichten, Sketchen und Szenen feinsinnigen Humor verpacken. Leute wie Otto, wie Helge Schneider… Das sind alles so Sachen, die mich beeinflusst haben inklusive vieler alter Märchenschallplatten, interpretiert von großen Bühnenschauspielern, damals aus der DDR. Das sind Aufnahmen, die mich verfolgt haben, die ich teilweise auswendig konnte und immer zum Besten gegeben habe, wenn die Gelegenheit da war. Das alles hat mich später dazu inspiriert - plus vieler Hörbücher nach der Wende – das selber machen zu wollen. Erst so für mich, so im Jugendzimmer sozusagen, für Freunde und für mich selbst und später professionell. Das ist ein Traumjob! Zuerst ein Hobby und jetzt Beruf … das ist gut so.
Auch wenn "Pinocchio" 1883 das erste Mal veröffentlicht wurde, steckt es doch voller aktueller Themen. Z.B. wenn die beiden Gauner Pinocchio raten, sein Geld zu vergraben und es dadurch zu vermehren …
Stefan Kaminski: Bankenkrise ....
Ja, da fällt einem doch eine Menge dazu ein.
Stefan Kaminski: Das stimmt. Das ist ja das Schöne an so alten Stoffen. Ich glaube, daran erkennt man einen richtig guten Stoff: Dass er trotz der alten Erzählweise und des anderen Zeitatems, Aktuelles anspricht. Da ist ja auch der Grund dafür, warum man so eine Geschichte noch mal neu verpackt, neu erzählen lässt und auf CD rausbringt. Ich finde das sehr wertvoll. Das ist auf keinen Fall verstaubt sondern sehr liebenswert mit einer Ruhe erzählt, ohne Spektakel, ohne reißerische Sensationen wie so viele Fantasy-Sachen, die heute erscheinen. Das ist eben eine sehr liebevolle, kleine, hölzerne Geschichte. Ein kleines Puppentheater.
Gab es bei "Pinocchio" eine Figur, die Du besonders mochtest?
Stefan Kaminski: Ja, die Schnecke. Die ist mir noch warm in Erinnerung. Ich liebe diese Schnecke, die so unheimlich lange braucht, um vom vierten Stockwerk ins Parterre zu kommen, obwohl es unser Pinocchio sehr, sehr eilig hat …
Wie findest Du eigentlich diese Stimmen? Du hast vorhin gesagt, diese Schnecke hattest Du noch nie, das war jetzt eine neue Stimme. Hast Du irgendwie andere Stimmbänder als andere, oder wie machst Du das?
Stefan Kaminski: Das weiß ich nicht. Es gibt ja einige Komiker, Comedians oder viele Schauspieler, die Hörbücher einlesen oder auf der Bühne stehen, die eine Neigung dazu haben, mit der Stimme sehr gestisch umzugehen. Gestisch sowieso, aber ich meine auch verfremdend. Das gibt es öfter, aber es ist tatsächlich eine große Leidenschaft von mir, seit ich damals die Platten nachgequasselt habe, die ich so mochte. Ich will dabei ja nicht einfach irgendwas karikieren oder persiflieren oder so, sondern ich bin doch bemüht, dem eineschauspielerische Qualität zu geben. Ich habe einen großen Anspruch, einen großen Ehrgeiz bei der Sache. Ich gehe auch aufs Material und schone mich dann nicht, weil ich möchte, dass man der Stimme Glauben schenken kann. Die Stimme gehört zu einer Figur, die damit ihre kleine Geschichte erzählt. Es kommt alles aus einem Menschen, aber jede Stimme könnte auch die eines völlig eigenständigen Wesens sein. Das ist mir wichtig dabei und das versuche ich bei den Hörbüchern immer wieder neu zu erreichen. Eine Geschichte wie "Pinocchio" ist natürlich eine Fundgrube, weil man da ganz viele fiktive Sachen machen kann. Wer weiß schon, wie ein Thunfisch sprechen würde.
Du hast zwischendurch auch mal spontan Geräusche eingeflochten oder zum Spaß ein bisschen anders erzählt. Würdest Du die Geschichten manchmal gerne anders weitererzählen?
Stefan Kaminski: Nein, ich stelle mich immer in den Dienst einer Geschichte. Manchmal sind die Texte vielleicht nicht von so großer Köstlichkeit, dann sind sie halt schlecht übersetzt, oder die Geschichte ist nicht so der Knaller. Dann mache ich es aber trotzdem. Ich versuche, meinen Bogen zu schlagen und die Menschen, die das dann möglicherweise hören, zu fesseln, zu begeistern. Und mich selbst ja auch bei der Stange zu halten. Wenn es tolle Texte
sind, wie jetzt z. B. dieser "Pinocchio"-Text oder diverse andere Sachen, die ich so machen konnte, dann ist es natürlich besonders schön. "Die Opodeldoks" beispielsweise – zufälliger Weise auch mit Frank Gustavus als Regisseur, mit dem es sehr viel Spaß macht, zu arbeiten. Ein Hörbuch ist immer ein Gemeinschaftsprodukt. Und wenn ich zwischendurch Quatsch mache, dann ist das natürlich nur, weil das spontane Dinge sind, die einem einfallen. Die zwar von der Geschichte wegführen, aber irgendwie raus müssen.
Wie wichtig ist ein Regisseur für Dich?
Stefan Kaminski: Es ist wichtig, wenn man einen Regisseur dabei hat, der sich mit dem Inhalt intensiv auseinandergesetzt hat und eine eigene Vorstellung davon mitbringt. Der weiß, wen er vor dem Mikrofon sitzen hat und dann mit ihm zusammen den optimalen Weg erarbeitet. Der Sprecher hat sich vorbereitet. Der Regisseur hat sich vorbereitet. Da stoßen möglicherweise zwei ganz unterschiedliche Gefühle für den Text aufeinander. Wenn man sich dann damit auseinandersetzt, der Sprecher etwas Neues entwickelt, was er noch gar nicht gedacht hat, oder der Regisseur sich überraschen lässt von etwas, was er gar nicht vermutet hätte, dann entsteht da eine ganz tolle, spannende Zusammenarbeit, die der Arbeit auf einer Bühne sehr nahe kommt. Und das finde ich wertvoll. Es gibt andere Regisseure, die dem nichts weiter hinzuzufügen haben. Dann hat man die große Freiheit, da seinen Weg zu gehen, in so einer Glocke von Abgeschirmtheit, um sein Ding zu machen. Das ist auch schön. Aber ich habe die Arbeit mit Frank sehr genossen, weil wir einfach versucht haben, Dinge neu und frisch zu finden, treffend zu erzählen und Alternativen auszuprobieren. Das ist wichtig, um dann festzustellen, der zweite Weg ist doch besser als der erste. Oder manchmal war der erste goldrichtig. Das ist gut, das ist wichtig und das braucht ein Hörbuch, finde ich. Ein Hörbuch ist ein sehr, sehr besonderes Genre im dramatischen Bereich. Film, Buch, Theater, Hörbuch … Das ist alles gleichwertig und hat seinen Anspruch. Da muss man jeweils mit dem gleichen Ehrgeiz und der gleichen Tiefe rangehen.
Wie bereitest Du Dich auf die Aufnahmen vor?
Stefan Kaminski: Ich habe meinen Stapel Text, der mir rechtzeitig vorher zugeschickt wurde. Dann setzte oder lege ich mich hin, lege schöne Musik ein, die meines Erachtens dazu passt. Manchmal sitze ich auch draußen auf einer Bank. Dann lese ich und im gleichen Atemzug mache ich mir meine Markierungen, Bindungen, Betonungen, Hebungen, Senkungen, Zäsuren, meine dramaturgischen Anmerkungen… also was Dynamik betrifft oder Farbigkeit. Ich erzähle gerne farbig. Ich möchte den Text gerne landschaftlich machen. Umso schöner, wenn es ein guter Text ist. Dann fällt es einem sehr leicht, den Weg zu gehen, den der Autor gegangen ist. Das versuche ich immer. Ich schaffe mir dazu meine Bögen und meine Knotenpunkte. Ich markiere mir, welche Figur gerade was sagt, damit ich im Tonstudio nicht herumblättern muss. Ich habe eine Legende dabei, auf der steht, welche Figur mit welchem Kürzel welche Stimmcharakteristik hat. Das ist wie eine Partitur, die es mir im Studio ermöglicht, relativ stringent voranzukommen. Es ist meistens ein einmaliges, konzentriertes Lesen, wobei ich im gleichen Moment die Anmerkungen mache. Wenn ich ins Studio komme, kommt ein spontaner Impetus dazu. Da übergehe ich manchmal Dinge, die ich vorhatte und mache etwas ganz Neues und Spontanes daraus. Das ist toll, denn der Moment, in dem man etwas neu entdeckt, ist meistens ein sehr frischer, sehr wahrhaftiger, ehrlicher oder sogar witziger Moment.
Wusstest Du denn vorher schon, wie die Schnecke klingt oder bekam die erst hier im Studioi hre Stimme?
Stefan Kaminski: Ich wusste nur, dass die lahm, klebrig und vollmundig sympathisch sein sollte. Wie die Stimme dann aus dem Mund kam, das hat sich tatsächlich erst im Studio ergeben. Deswegen freue ich mich so über die Schnecke. Die habe ich mir tatsächlich niemals vorgenommen bisher, die kannte ich noch gar nicht. Die ist jetzt so rausgeschleimt.
Welche Art von Geschichten liest Du eigentlich am liebsten?
Stefan Kaminski: Ich habe einen sehr breitgefächerten Geschmack, sowohl musikalisch als auch literarisch. Ich habe immer große Lust, diese Vielfalt auch zu bedienen. Arno Schmidt ist einer meiner Lieblingsautoren. Der hat eine unglaublich wilde, völlig eigene Sprache. Oder Vladimir Sorokin, ein russischer Autor, der sehr fleischig, fratzenhaft, grotesk, fiktional, gesellschaftsparabelhaft, auch witzig, aber sehr düster schreibt. Dann liebe ich noch Stefan Zweig. Heinrich Mann und Josef Roth finde ich toll. Spannende, schnelle, witzige Kindergeschichten finde ich super. Christine Nöstlinger gefällt mir sehr gut. In den Genuss, diese Geschichten zu lesen, komme ich jetzt im Studio. Das nehme ich mir nicht privat vor, das mache ich dann, wenn ich es als Auftrag bekomme und freue mich darüber. Moritz Rinke konnte ich letztens lesen für einen anderen Verlag. Das war eine großartige Gegenwartsliteratur, ein schöner Roman, wunderbar. Also ganz viele Sachen. Ich freue mich immer, wenn es gute Sprache und eine tolle Geschichte gibt und wenn der Autor es irgendwie schafft, etwas Neues loszutreten. Was ich nicht mag, sind ewig gleiche, wiederkäuende Fantasy-Schmonzetten…
Also Du wählst schon sehr genau aus, was Du im Tonstudio liest?
Stefan Kaminski: Ich habe bisher kaum ein Hörbuch abgelehnt, nur im allerschlimmsten Fall, wo Lektüre um Umsetzung überhaupt nicht ansprechend für mich war. Ich stelle mich nie über die Dinge. Wenn ich einen Text angeboten bekomme, sage ich in der Regel ja. Ich mache den und habe bisher nur in den geringsten Fällen Mist gelesen. Das waren vielleicht drei Sachen, wo ich dachte: "Oh Mann bin ich froh, dass das jetzt fertig ist." Aber das muss man auch mal machen. Das hat alles seine Berechtigung. Das wird ja nicht umsonst gemacht. Es gibt genug Leute, die so was sehr mögen und ich erprobe mich dann darin, auch das überzeugend und konsequent bis zum Schluss zu machen. Aber ich sage Verlagen auch, was mir gut gefällt. Es muss nicht immer was sein, was mit Stimmveränderungen zu tun hat, mit verrückten Charakteren. Das kann durchaus eine ganz normale narrative Geschichte sein, wo ich mich einfach als Transporteur der Geschichte zur Verfügung stelle und nicht unbedingt als Lautmaler oder so. Diese Vielfalt ist mir wichtig und darauf lege ich Wert. Aber alles ist erst mal eine Herausforderung für mich, weil ich den Job liebe.
Was schätzt Du besonders an der Arbeit im Tonstudio?
Stefan Kaminski: Die Intimität, die das Ganze hat. Die Atmosphäre da unter dem Lichtkegel einer kleinen Lampe vor dem Mikrofon zu sitzen und nur den Text zu haben. Und ein bisschen Konversation durch die Scheibe. Der ist ja doch ein sehr kapselhafter Moment, in dem man etwas ausheckt. Das finde ich sehr schön. Ich bin ein großer Fan von Mikrofonen. Es ist toll, was man mit Nähe und Entfernung oder mit kleinen stimmlichen Veränderungen vor dem Mikro erreichen kann. Da kommen Stimmen, Farben, Schwingungen heraus, die man im Gespräch durch die Luft so normal gar nicht hören würde. Aber das Mikro und später der Lautsprecher für den Hörer bringen das ganz nah ran. Das finde ich faszinierend. Das birgt viele Möglichkeiten.
Interview: Judith Kaiser
am 1.9.2010 in Hamburg
www.oetinger-audio.de
Pinocchio
von Carlo Collodi
Inhalt:
„Armer Pinocchio, du tust mir wirklich leid“, sagte die Grille. „Weil du eine Puppe bist und, was noch viel schlimmer ist, einen Holzkopf hast!“ Daran ist nichts zu rütteln, denn schließlich hat Meister Geppetto Pinocchio aus einem gewöhnlichen Stück Brennholz selbst geschnitzt. Aber gewöhnlich ist der deshalb noch lange nicht! Pinochio schwänzt die Schule, freundet sich mit einer Fee an und möchte nur eines: ein richtiger Junge sein! Und wie war das nochmal mit der Nase?
2 CDs
VÖ: Februar 2011
Ungekürzte Lesung
Gesprochen von Stefan Kaminski
Illustrationen: Quentin Gréban
Musik: Jan-Peter Pflug
Produziert von: Alexander Rieß
Regie: Frank Gustavus
Aus dem Italienischen von Paula Goldschmidt











