Der Kölner Komponist und Musiker Henrik Albrecht hat sich der Komposition von Musik für Hörspiel- und Theaterproduktionen verschrieben. Seine bekanntesten Bearbeitungen sind „Das Gespenst von Canterville“ sowie „Der Krieg der Knöpfe“. Bei den diesjährigen ARD Hörspieltagen in Karlsruhe bringt Henrik Albrecht eine Nachinszenierung seines Orchesterhörspiels „Alice im Wunderland“ auf die Bühne.
Das Live-Orchesterhörspiel bei den ARD Hörspieltagen erlebt jedes Jahr einen Besucheransturm. Worin sehen Sie die Attraktivität dieser Veranstaltung?
Henrik Albrecht: Bei einer akustischen Kunstform wie dem Hörspiel ist es ja nicht einfach, den Aufwand und all die Mitwirkenden, die für das fertige Hörspiel nötig sind, sichtbar zu machen. Beim Orchesterhörspiel sitzen alle Beteiligten auf der Bühne und ich bekomme jedesmal eine Gänsehaut, wenn ich erlebe, wie an die 60 Künstler gemeinsam an dem Klang und der Geschichte weben. So können alle hautnah erleben, was es braucht, um ein Orchesterhörspiel umzusetzen. Übrigens mit einem wunderbaren Orchester - die Junge Süddeutsche Philharmonie Esslingen unter Andreas Kraft - und mit drei begnadeten Schauspielern - Laura Maire, Uli Noethen und Stefan Kaminski.
Was ist die Besonderheit eines Orchesterhörspiels im Vergleich zu einem normalen Hörspiel?
Henrik Albrecht: Beim Orchesterhörspiel ist natürlich die Musik sehr wichtig. Alle Geräusche, alle Räume und die Atmosphäre des Ganzen werden von der Musik bestimmt. Ob sich Alice auf einer herrlichen Blumenwiese oder in einem dunklen Wald aufhält, dies alles wird durch die Musik dargestellt. Das Orchester erweckt eine ganze Welt zum Leben, durch die sich die Schauspieler dann bewegen. Für die Schauspieler ist es auch eine besondere Erfahrung, sich mit ihrem Text auf eine Livemusik zu setzen. Dies lässt für die Darsteller ein anderes Spiel zu. Es entsteht ein Nehmen und Geben zwischen Musik und Text. Schon bei der Bearbeitung des Textes ist es für mich wichtig, die Musik im Kopf zu haben. Ich lese dann den Text schon in Ansätzen wie eine musikalische Form. So ist der Tränensee wie ein symphonischer Steigerungssatz angelegt, die darauf folgende Raupe ist dann eher der langsame Satz, die Herzkönigin hat in ihrer aufbrausenden Art eher Finalcharakter und so weiter. So entsteht schon in der Textbearbeitung eine kleine symphonische Form mit verschiedenen Charakteren.
Worauf achten Sie, wenn Sie ein Hörspiel für Kinder schreiben?
Henrik Albrecht: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder ihre Hörspiele heiß und innig lieben. Dass eine CD dann an die 300-mal gehört wird, ist nicht ungewöhnlich und macht die Last der Verantwortung für einen Komponisten größer. Ich glaube, meine ernste Musik für den Konzertsaal wird nicht so oft gehört wie meine Orchesterhörspiele. Und etwas zu komponieren, das auch beim 300ten Hören interessant bleibt, kann einen schon unter Druck setzen. Und, liebe Eltern, ich komponiere das auch für Euch, die Ihr eventuell zum 300ten Mal mithören müsst. Ich hoffe, Ihr könnt selbst dann immer noch was Neues in der Musik entdecken. Auch finde ich es sehr spannend, Hörspiele für Kinder wie Botschaften zu verstehen, die durch die Zeit reisen. Ich habe meine Lieblingshörspiele der Kindheit auch einmal Jahre später gehört. Es ist dann schön, wenn es auch in einem anderen Lebensabschnitt immer noch etwas auf den ausgenudelten Kassetten zu entdecken gibt. Diese Hörspiele sind dann wie eine Flaschenpost, die später erst vom Empfänger geöffnet und verstanden wird, nachdem sie etwas durch die See der Zeit gedümpelt ist. So habe ich an ein paar Stellen ein Augenzwinkern in die Musik komponiert, das man vielleicht erst später versteht, wenn man schon mehr klassische Musik gehört hat.
Welche Herausforderungen haben sich für Sie bei der Hörspielbearbeitung von „Alice im Wunderland“ gestellt?
Henrik Albrecht: Die große Schwierigkeit bei dieser Art des Hörspiels ist es immer, beide Elemente, Text und Musik, auf eine Ebene zu bringen. Das bedeutet, dass ich den Text in meine Musik hinein komponieren muss. Für jeden Satz muss ich einen musikalischen Rahmen schaffen, dass er gehört werden kann und doch auch künstlerisch von der Musik unterstützt wird. Es soll ja ein Gesamtkunstwerk entstehen, was hinterher mehr ist als nur die Summe aus Text und Musik. So darf jeder gesprochene Satz nur die Länge haben, die in der Musik komponiert ist. Wenn beispielsweise Alice in dem Tränensee zu ertrinken droht, wird sie von den Klangwogen des Orchesters umspült, die begreiflicherweise sehr laut und mächtig sind. Das heißt, es gibt nur wenige Stellen in der Musik, in denen Alice sprechen und gehört werden kann. Für die Schauspieler bedeutet das, dass sie während sie den Text gestalten auch noch auf die Musik hören, sie genau die Klangwelt um sich herum erleben müssen, um sich in das große Ganze einfügen zu können. Mit Laura Maire, Uli Noethen und Stefan Kaminski bin ich natürlich überglücklich, drei Schauspieler gefunden zu haben, die diese Aufgabe virtuos meistern.
Welche Stoffe eignen sich besonders gut für ein Orchester-Hörspiel?
Henrik Albrecht: Stoffe, die eine gewisse Bekanntheit haben, empfinde ich als besonders geeignet für ein Orchesterhörspiel. Das Orchesterhörspiel ist eine ganz neue Darstellungsform für eine Geschichte. So finde ich es immer besonders reizvoll, sehr bekannte Stoffe auszuwählen, denen ich durch die Bearbeitung zu einem Orchesterhörspiel eine neue Facette hinzufügen kann. Auch für den Hörer halte ich es für spannender, die Kombination Text und Musik bei einem bereits bekannten Text zu erleben. Darüber hinaus freue ich mich, wenn die Geschichte ein gewisses Maß an Wundern oder eine Brechung der Realität enthält. Diese sind immer besondere Einstiegsmöglichkeiten für die Musik.
Was hat Sie an dem Stoff von „Alice im Wunderland“ gereizt?
Henrik Albrecht: Meiner Meinung nach ist die Geschichte „Alice im Wunderland“ wie ein Spiegel, in dem sich der Lesende sehr stark selbst erblickt. Somit gibt es unendlich viele Auffassungen und Interpretationen von „Alice“. Vielleicht rührt es daher, dass ich die „Alice“ als eine Geschichte über die Macht des Geschichtenerzählens gelesen habe. Ich stelle mir den Nachmittag und die gemütliche Bootsfahrt vor, bei der Lewis Carroll seiner Alice die erste Form der Geschichte erzählt hat, und ich denke, beim Erzählen hat Lewis Carroll sehr viel über sich und über Alice zu Tage befördert. Carroll setzt seine junge Hörerin immer neuen Situationen aus, verunsichert sie und stellt ihre Welt in Frage. Beim Erzählen erfahren beide mehr über sich selbst. So mag es sein, dass ich mich als Komponist auch in dieser Geschichte spiegele, wenn ich sie als eine Erzählung über die Wirkung von Kunst verstehe. So sind, denke ich, die Hörer unseres Orchesterhörspiels vielleicht nach der Aufführung auch nicht mehr dieselben wie vorher. Vielleicht entdecken wir ja alle noch den Schmetterling, der in uns schlummert.
Die Fragen stellte Ramona Dusch









